Der Sattelberger-Code - Vom Saulus zum Paulus.

Oder: Warum Veränderung bei uns selbst beginnt.

Er gilt als Rebell unter den bisherigen Top-Managern, Thomas Sattelberger, Ex-Ober-Personaler der Telekom. Der Kern seiner Apelle an Führungskräfte: Seid unangepasst und treibt Veränderungen selbst voran, bevor sie euch vorantreiben. Dahinter steckt sein Credo, dass große Veränderungen zunächst bei jedem selbst beginnen. Oder anders ausgedrückt – kein Change im Unternehmen ohne Change bei den einzelnen Führungskräften, die Transformation des Systems erfordert die Transformation der Akteure. Dafür erhält er viel Beifall, vor allem von Nicht-Führungskräften und Beratern. Aber genau dies wird ihm auch von Kritikern vorgeworfen. Schließlich hatte er als langjähriger Top-Manager ausreichend Möglichkeiten, das zu verändern, was er nun aus der scheinbar bequemen Position des aktiv-unruhigen Ruheständlers von seinen Ex-Kollegen fordert.

Er greift die Elite an, der er lange selbst angehört und deren Privilegien er genossen hat. Ein Erleuchteter oder ein Nestbeschmutzer? Weder noch: Die Aussagen von Herrn Sattelberger sind weder Verkündigungen eines erleuchteten Transformations-Gurus, denen es uneingeschränkte Bewunderung und Zustimmung zu geben gilt. Noch sind es Abrechnungen mit seinem alten System, dessen Teil er so lange war und das er als Ex-Insider beschädigen will. Vielmehr könnte man ihn vielleicht als intelligenten Top-Management-Whistle-Blower sehen, der bewusst das vorherrschende System „irritieren“ und genau damit Veränderungen initiieren möchte.

Das macht er authentisch, weil er selber viele Jahre als „Management-Haudegen“ in genau diesem System an relevanten Stellen aktiv war. Er stellt damit auch sein persönliches Wirken der Vergangenheit in Frage. Das ist einerseits mutig, wirkt andererseits vielleicht aber auch kompromittierend für diejenigen, die eng mit ihm zusammengearbeitet haben. Schön wäre es, wenn diese Irritationen nicht nur mit „Ja-genauso-ist-es“ und „hätte-er-doch-selbst-alles-machen-können“ goutiert, sondern wiederum hinterfragt und interpretiert werden. Inhaltlich geht es vor allem um die Auseinandersetzung mit bewährten Erfolgsrezepten und kritischem Infrage-Stellen von Verhaltensmustern, die Transformation erschweren.

Es ist doch nur zu gut verstehen - Wenn wir mit einem bestimmtem Verhalten, sei es auf bei uns selbst - oder auf Unternehmensebene, über längere Zeit sehr erfolgreich waren, aus welchem Grund sollten wir dies ändern? Weiter so zu machen wirkt allzu menschlich und ist auch heuristisch sinnvoll, um nicht das vorherrschende Gleichgewicht unnötig zu gefährden (never-change-a-running-system). Warum sollten wir mehrheitlich vorherrschende Paradigmen in Frage stellen und Bewährtes zerlegen? Das, was uns so erfolgreich gemacht hat? Wer kann nicht aus eigener Erfahrung, bei sich selbst oder im Unternehmen ein Lied davon singen?

Der Kern des Anliegens von Herrn Sattelberger ist jedoch, dass in jedem erfolgreichen Handeln bereits der Kern für zukünftige Veränderungen verankert ist. Erfolg ist das Rauschmittel eines in den Startlöchern stehenden Misserfolgs. Warum? Wenn erfolgreiches Handeln auf ausgeprägter Problemlösungskompetenz für eine spezifische Umweltkonstellation beruht, ist dies nur so lange zweckdienlich, wie diese Konstellation fortbesteht. Ändert sich die Umwelt, ist ein Anpassungsprozess und damit Veränderung, bei paradigmatischen Veränderungen eine Transformation, notwendig. Erfolgt dies nicht, entstehen Krisen. Krisen, ob persönlicher oder unternehmerischer Art, sind somit meist auf mangelnde Anpassung an Veränderungen der Umwelt zurück zu führen.

Dann kommen die „Not“ oder der „Feind“, beides sehr wirkungsvoll, aber auch sehr schmerzhaft. Ziel von Führung, sei es Selbstführung, Mitarbeiter- oder Unternehmensführung sollte es sein, mögliche Krisen zu antizipieren bzw. sich bestmöglich darauf einzustellen, so dass das Große Ganze nicht in Gefahr gerät. Dabei kann eine sinnstiftende Vision sehr hilfreich sein. Diese Vision oder der Sinn gibt keine Antwort auf das „Warum“, was fälschlicherweise oft angenommen wird. Die meisten Fragen nach dem „Warum“ sind retrospektiv und führen zu Denkschleifen in die Vergangenheit. Vision und Sinn geben vor allem Antwort auf das „Wozu“, in die Zukunft gerichtet und damit erst Motivation und Ansporn.

Nun ist Herr Sattelberger selbst ein Kind aus der Welt der „Galeeren-Sklaven", wie er despektierlich einige seiner Ex-Kollegen nennt. Und er hat auch systemerhaltend mitgewirkt, betriebswirtschaftlich-rationale Entscheidungen wie die Verlagerung von Continental-Produktionsstätten nach Rumänien nur wegen der drastisch günstigeren Personalkosten mit entschieden. Vom Saulus zum Paulus? Umgangssprachlich ist diese Redewendung in Deutschland ja nicht sehr positiv belegt, sie hat den Beigeschmack eines seine Fahne in den Wind hängenden Opportunisten.

Ob dies bei Herrn Sattelberger so ist, ist hier nicht zu bewerten. Bei Saulus war es, zumindest dem biblischen Mythos nach, nicht der Fall. Saulus erkannte demnach im sogenannten Damaskus-Erlebnis in einer Art Eingebung, dass er seinen bisherigen Weg nicht weiterverfolgen und statt dessen einen neuen, wenn auch vordergründig gefährlicheren Weg einzuschlagen hat. Dieses Erlebnis führte bei ihm zu einer inneren Erneuerung. Die zugrundeliegende, sinnstiftende Vision war zwar der Christliche Glaube, das Finden des Sinns, die Veränderung fand aber in ihm selbst statt, in dem er seine Sicht auf die Welt änderte. Heute würde man das sicherlich eher als persönliche Transformation bezeichnen und weniger als opportunistisches Wendemanöver.

Fast alle Mythen beruhen auf solchen persönlichen Transformationen ihrer Helden und erzielen genau daraus ihre Kraft. Wenn am Anfang von Transformation also nicht lebensbedrohliche Krisen, „Not“ oder der „Feind“ stehen sollen, ist ein „Damaskus-Erlebnis“ notwendig. Dazu muss man nicht die Erleuchtung auf einem Berg empfangen – es ist doch vielmehr die innere Stimme, der gesunde Menschenverstand, der Wille zu Selbstbestimmung, der Blick auf das Ganze, die Gemeinschaft, die Fähigkeit zum wirksamen Entscheiden und Handeln. Die Führungs- und Elitenebene sind per se keine Gefangenen des Systems - es sei denn, sie lassen sich dazu machen. Veränderung und Transformation findet so oder so statt, das lehrt uns die Geschichte.

Die Frage ist ob wir warten, bis uns die „Not“ oder der „Feind“ zu Veränderungen zwingen, oder ob wir das „Damaskus-Erlebnis“ zu erkennen in der Lage sind. Unterstellen wir, dass unser Erleben auch unser Verhalten prägt, kann eine persönliche Wandlung vom Saulus zum Paulus sehr hilfreich sein, gerade wenn es um Selbstführung und Unternehmensführung geht. Um es mit anderen Worten des Sinn-Forschers Viktor Frankl zu sagen „Wenn wir eine Situation nicht ändern können, müssen wir uns eben selbst ändern“.
WZ 01/17